Angst um die Vormachtsstellung

Dieser Text ist zunächst in der Ausgabe 359 der Zeitschrift iz3w erschienen. Mehr von dieser Ausgabe findet ihr hier

Antifeminismus und Genderhass sind ein Bindeglied zum Rechtspopulismus

Kaum ein Topos des Rechtspopulismus ist populärer als seine Ablehnung des Feminismus und des Genderismus. Bis weit in die Mitte der Gesellschaft stößt auf Zustimmung, wer gegen echte Gleichstellung und veränderte Geschlechterverhältnisse wettert. Worauf beruht diese Hetze?

Von Rebekka Blum

PEGIDA wettert in einem Positionspapier gegen „dieses wahnwitzige Gender Mainstreaming, auch oft Genderisierung genannt“. Im Frühjahr 2014 startet die AfD-Jugendorganisation Junge Alternative die Facebook-Kampagne „Ich bin kein Feminist, weil…“, bei der sich junge Männer und Frauen mit konservativen und antifeministischen Sprüchen ablichten lassen. Zeitgleich beteiligen sich Mitglieder des Front National in Frankreich an Protesten gegen die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare.

Diese und etliche weitere Beispiele zeigen, dass antifeministische Haltungen einen festen Bestandteil des rechtspopulistischen Kanons darstellen. Antifeminismus kann aber nicht nur als Bestandteil und Strategie des Rechtspopulismus, sondern auch als Einstiegsthema zu ebendiesem gesehen werden. Denn antifeministische Proteste gerieren sich oftmals als bürgerlich, indem sie sich als familienfreundlich und zum Schutz der Kinder inszenieren. Außerdem richtet sich die Ideologie des Antifeminismus zunächst nicht gegen konkrete Personengruppen, sondern gegen politische Maßnahmen und gesellschaftlichen Wandel. Dadurch sind antifeministische Proteste anschlussfähig an die so genannte Mitte der Gesellschaft und gleichzeitig ein Bindeglied zu weiteren rechtspopulistischen Inhalten.

Vom Antifeminismus zum Anti-Genderismus

Mit dem übergreifenden Begriff „Antifeminismus“ werden sowohl klassische antifeministische Haltungen als auch Anti-Genderismus (also die Ablehnung von Gender Studies und Geschlechterpolitik wie Gender Mainstreaming und Quotenregelungen) sowie Homo- und Transfeindlichkeit beschrieben. Im aktuellen Antifeminismus dominiert der Anti-Genderismus zunehmend. Auffällig ist, dass einige antifeministische AkteurInnen den Feminismus explizit dafür loben, dass er wichtige Erfolge wie rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern hervorgebracht habe. Gleichzeitig werden aber aktuelle feministische Forderungen nach materieller Gleichstellung abgewertet. Stets wird betont, diese gingen zu weit, hätten totalitäre Züge und entsprächen Gleichmacherei.

AkteurInnen des Antigenderismus wettern vor allem gegen den Genderbegriff und all seine vermeintlichen Implikationen. Dabei wird oft ignoriert, dass die Gender Studies ein sehr weites Feld sind. Gemeinsam ist den verschiedenen Ansätzen, dass die Konstruiertheit der Bedeutung von Geschlecht hervorgehoben und damit das hierarchische Geschlechterverhältnis sowie die heteronormative Gesellschaftsordnung in Frage gestellt werden. Die Soziologieprofessorin Nina Degele bezeichnet Gender Studies deshalb als „Verunsicherungswissenschaft“. Dieser Ansatz scheint bei einigen Menschen existenzielle Ängste auszulösen. Sie äußern sich seit einigen Jahren nicht nur in Deutschland, sondern parallel zum Erstarken rechter Bewegungen auch in anderen Ländern Europas.

Im europäischen Kontext kommt es regelmäßig zu inhaltlichen und personellen Überschneidungen antifeministischer und rechtspopulistischer Gruppen wie der AfD und dem Front National. Zudem gehen katholische und evangelikale Gruppierungen eng mit antifeministischen Bestrebungen einher. Die katholische Kirche kämpft schon lange gegen den Genderbegriff: Es war der Päpstliche Rat für die Familie, der im Jahr 2000 als erstes von „Gender-Ideologie“ sprach, um diesen Ansatz zu diskreditieren (Boźena 2015: 220).

In Madrid gab es 2008/9 mehrere große antifeministische Demonstrationen unter der Parole „Jedes Leben zählt“. Sie richteten sich gegen die Liberalisierung des 2010 gelockerten Abtreibungsgesetzes in Spanien. Ähnliche, von der christlich-fundamentalistischen Initiative TFP (Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum) organisierte Antiabtreibungs-Demonstrationen finden weltweit unter dem Label „Märsche fürs Leben“ statt. Bei den großen „Manif pour tous“-Demonstrationen in Frankreich ab November 2012 mit bis zu 300.000 Teilnehmenden liefen katholische Kardinäle mit. Die Demos waren eine Reaktion auf die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare. Letztere nimmt dem heteronormativen Familienbild, bestehend aus einem Vater, einer Mutter und Kindern, sein Monopol. Die Proteste in Frankreich verliefen äußerst aggressiv, was darauf hindeutet, dass diese Veränderung bei einigen Menschen große Ängste auslöst. Die gesellschaftliche Akzeptanz pluraler Lebensmodelle endet für einige da, wo die Vorherrschaft eines tradierten Geschlechter-, Familien- und Gesellschaftsbildes in Frage gestellt wird.

Angstverlautbarungen zeigen sich auch bei den Protesten gegen den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg. Eine der geplanten Leitlinien war die Förderung der Akzeptanz sexueller Vielfalt. Zunächst startete ein Realschullehrer aus dem pietistischen Umfeld eine Petition gegen die Pläne der grün-roten Landesregierung. Sowohl christlich-fundamentalistische Gruppen als auch der baden-württembergische Landesverband der AfD riefen zur Unterzeichnung auf. Ab Anfang 2014 formierten sich Demonstrationen in Stuttgart, die zunächst unter dem Label „Besorgte Eltern“ auftraten, sich aber bald in „Demo für alle“ umbenannten, nach dem Vorbild der französischen Protestbewegung.

Organisiert wurden die „Demos für alle“ unter anderem von der klerikal-aristokratischen Initiative Zivile Koalition, die von AfD-Rechtsaußen Beatrix von Storch mitgegründet wurde. Das Demobündnis kann als christlich-fundamentalistisch mit Nähe zu rechtspopulistischen Gruppen und zu rechten Burschenschaften beschrieben werden. Die Protestierenden warnten vor einer „Frühsexualisierung“ der Kinder, der Zerstörung von Familien und der Normalisierung bzw. Verharmlosung von Homosexualität. In der Petition wurde die Tatsache, dass die Suizidrate bei Homosexuellen höher liegt als bei Heterosexuellen, nicht als Beleg für gesellschaftliche Diskriminierung angeführt, sondern um die Gefährlichkeit dieser „Lebensweise“ zu verdeutlichen. Nach einem Treffen von Ministerpräsident Kretschmann mit dem evangelikalen Netzwerk Evangelische Allianz wurde der Plan überarbeitet, der Begriff sexuelle Vielfalt taucht nicht mehr auf (Billmann 2015: 3).

Antifeminismus in den Leitmedien

Besonders bedeutend für rechtspopulistischen Antifeminismus ist der so genannte Anti-Genderismus, da er weit bis in die gesellschaftliche Mitte reicht. Exemplarisch findet er sich in Büchern wie Birgit Kelles „Dann mach doch die Bluse zu“ (2013) und besonders aggressiv vorgetragen in den Büchern Akif Pirinçcis, wie dem 2015 erschienenen „Die große Verschwulung – Wenn aus Männern Frauen werden und aus Frauen keine Männer“.

Auch in Leitmedien wie FAZ, SPIEGEL und ZEIT werden große Debatten zum Thema Gender geführt. Den Auftakt der Debatte markiert der 2006 in der FAZ erschienene Artikel „Politische Geschlechtsumwandlung“ von Volker Zastrow, dem Chef des Politikressorts. Zastrow beschwert sich über Gender Mainstreaming, unter anderem da es ausschließlich Frauen fördere. Der Titel des Artikels ist typisch für die darauf folgende, oft polemisch und überspitzt geführte Debatte in weiteren großen Zeitungen. In vielen Artikeln und besonders in LeserInnenkommentaren wird nahe gelegt, dass Gender Mainstreaming die Menschen zwanghaft umerziehe – mit dem Ziel, einen neuen (geschlechtslosen) Menschen zu erschaffen.

Den Gender Studies wird in vielen Texten per se Wissenschaftlichkeit abgesprochen, was auf ein pseudo-naturwissenschaftliches, positivistisches Wissenschaftsverständnis der AutorInnen zurückzuführen ist. Statt selbst wissenschaftlich zu argumentieren, weisen sie oft auf alltägliche Erfahrungen oder den „gesunden Menschenverstand“ hin, der doch deutlich mache, dass schon Jungen und Mädchen grundlegend verschieden seien. Eine Tatsache, die von den verschiedenen Ansätzen der Gender Studies nicht negiert, sondern deren Ursächlichkeit untersucht wird.

Maßnahmen zugunsten von Geschlechtergerechtigkeit wird von AntifeministInnen oft vorgeworfen, sie verschlängen im großen Stile öffentliche Gelder. Nicht selten wird hinter ihnen eine „Homo-Lobby“ oder eine feministische Weltverschwörung vermutet. Deutschland sei eine „Femokratie“. In den einschlägigen Artikeln findet jedoch keine echte Auseinandersetzung mit Feminismus und Gender-Studies sowie deren durchaus vorhandenen Leerstellen und Fehlschlüsse statt. Vielmehr geht es um kategorische Abwertung. In vielen Beiträgen ist die Überschneidung zu rechtspopulistischer Rhetorik mit Hang zu Verschwörungstheorien sehr deutlich, etwa bei der Anti-Intellektuellen-Haltung und in der Rhetorik von „die da oben“ oder „die in Brüssel“. Diskriminierungsarme Sprache wird als Zwang und Unterdrückung dargestellt und behauptet, die freie Meinungsäußerung sei nicht mehr gegeben – auch das ist typisch für den Rechtspopulismus.

Reaktion auf soziale Verunsicherung

Für den Soziologen Lewis Coser sind soziale Konflikte immer ein Zeichen für sozialen Wandel. Aktuelle antifeministische Strömungen können somit als Abwehrreaktion auf gesellschaftlichen Wandel betrachtet werden. Denn im öffentlichen Diskurs und in der Gesetzgebung hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten viel verändert: Beyoncé wurde für ihren Auftritt vor einem riesigen „Feminism“-Schriftzug bei den MTV Video Music Awards 2014 gefeiert, Conchita Wurst gewann den Eurovision Songcontest 2014 und in vielen Ländern der Welt können nun auch homosexuelle Paare heiraten. Mittlerweile müssen sich diejenigen rechtfertigen, die gegen solche Liberalisierungen eintreten. Hierbei übernehmen antifeministische Strömungen häufig feministische Argumentationsfiguren und verdrehen sie in ihr Gegenteil. So wird gefordert, dass homofeindlichen Menschen Minderheitenschutz zuteil werden solle, da die Mehrheit sie unterdrücke. So kommt es, dass antifeministische Bestrebungen zuweilen wie Rückzugsgefechte anmuten.

Neben solchen kulturellen Veränderungen gab es auch einschneidende ökonomische: Im Zuge wirtschaftlicher Krisen mit weiterer kapitalistischer Prekarisierung löst sich das Normalarbeitsverhältnis langsam auf. War die Arbeitswelt früher am männlichen Familienernährer ausgerichtet, ist mittlerweile für viele Familien das Gehalt von zwei arbeitenden Menschen nötig (Adult-Worker-Model). Das Bild des Mannes als Ernährer und Beschützer der heteronormativen Familie ist aber konstitutiv für hegemoniale Männlichkeit (Raewyn Connell) und männliche Herrschaft (Pierre Bourdieu), die beiden Grundsteine des Patriarchats. Die Veränderung der gesellschaftlichen Position von Männern und damit der gesellschaftlichen Ordnung kann sowohl von Männern als auch Frauen als Bedrohung wahrgenommen werden.

Dabei ist es irrelevant, ob das Patriarchat tatsächlich ins Wanken gerät. Ausschlaggebend für antifeministische Bewegungen ist das Gefühl der Verunsicherung und Bedrohung. Erklärbar ist dies mithilfe der Verunsicherungs- und Deprivationsthese. Laut ihr neigen Menschen, die in ihrer sozialen Position bedroht sind oder sich so fühlen, dazu, sich rechte Positionen anzueignen, da diese Eindeutigkeit, Orientierung und Sicherheit versprechen. Dass sich verunsicherte Menschen gegen Feminismus und Gender-Ansätze richten, liegt dabei auch in deren emanzipatorischen Absichten begründet. Feministische Theorien legen offen, dass gesellschaftliche Stellung nicht allein von individueller Leistung abhängt, wie es im Kapitalismus versprochen wird, sondern massiv von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen wie Patriarchat, Rassismus und Antisemitismus geprägt ist. Somit ist die Legitimität hegemonialer Männlichkeit bedroht. Ansätze der Gender-Studies gehen noch weiter, wenn sie hervorheben, dass es in der sozialen Realität mehr als zwei Geschlechter gibt. RechtspopulistInnen sehen darin einen Angriff auf den vermeintlichen „Ursprung“ der Zivilisation: das heteronormative Familienideal.

Offensiver gegen rechte Positionen

Die Psychologin und Pädagogin Birgit Rommelspacher betonte, dass das Gefühl der sozialen Verunsicherung nicht automatisch zu rechten Einstellungen führen müsse, da diese sonst bei sozial besonders verunsicherten Gruppen gehäuft zu finden wären. Zahllose Studien zeigen aber, dass es keinen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit, Armut und rechten Einstellungen gibt. Ausschlaggebend dafür, ob sich aus dem Gefühl der sozialen Verunsicherung rechte Einstellungen entwickeln, sind laut Rommelspacher die im Nahfeld vermittelten grundlegenden Werteorientierungen. Mehrere Studien zeigen, dass sich Menschen mit rechten Einstellungen stärker am Leistungs- und Konkurrenzprinzip orientieren. Typisch dafür ist die Selbstaufwertung durch Abwertung Anderer. Dies ist meist verbunden mit der Vorstellung, ihnen stünden Privilegien zu, etwa weil sie „Deutsche“ sind. Dies steht wiederum im Widerspruch zum Leistungsprinzip, weshalb als Reaktion darauf die eigene Dominanz naturalisiert wird. Rommelspacher hebt hervor, dass ökonomische Prekarisierung auch zu Solidarität mit anderen Benachteiligten führen kann. Soziale Verunsicherung kann also ambivalente Folgen nach sich ziehen, was wiederum gesellschaftliche Polarisierungen in ein liberales und in ein konservatives Lager, das bis in die extreme Rechte reicht, nachvollziehbar macht (Rommelspacher 2011).

Aus diesem Grund ist nicht absehbar, ob antifeministische und rechtspopulistische Strömungen lediglich als Rückzugsgefechte aufgrund von längst geschehenem sozialen Wandel betrachtet werden können. Der politische Raum ist umkämpft und entwickelt sich nicht linear in Richtung Liberalisierung. Aktuelle Ergebnisse der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigen zwar, dass 83 Prozent der in Deutschland Lebenden die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare befürworten. Akzeptanz für weitere Liberalisierungen scheint also vorhanden zu sein. Aber nachdem in den letzten Jahren vor allem rechte Positionen den politischen Diskurs beeinflussten, ist nun der liberale Teil der Gesellschaft gefordert, sich in Zukunft offensiv(er) gegen rechtspopulistische und antifeministische Strömungen zu positionieren.

Rebekka Blum studiert Soziologie an der Uni Freiburg. Passend zu ihren Studienschwerpunkten leitete sie ein Seminar zu Frauenbildern in der extremen Rechten.

 

Literatur:

Lucie Billmann (Hg.): Unheilige Allianz. Das Geflecht von christlichen Fundamentalisten und politisch Rechten am Beispiel des Widerstands gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg. Rosa Luxemburg Stiftung Publikation, 2015.

Choluj Boźena: „Gender-Ideologie“ – ein Schlüsselbegriff des polnischen Anti-Genderismus, in: Hark Sabine/ Villa, Paula-Irene: Anti-Genderismus, a.a.O., S.219-238.

Nina Degele: Happy Together: Soziologie und Gender Studies als paradigmatische Verunsicherungswissenschaften. In: Soziale Welt (54), 2003, S.9-29.

Sabine Hark/ Paula-Irene Villa (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld 2015.

Birgit Rommelspacher: Frauen und Männer  im Rechtsextremismus – Motive, Konzepte und Rollenverständnisse. In: Ursula Birsl: Rechtsextremismus und Gender. Opladen 2011, S. 43-54. 

Einklinker:

„Wenn aus Männern Frauen werden und aus Frauen keine Männer“

Soziale Verunsicherung muss nicht automatisch zu rechten Einstellungen führen

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