Die „Feinde unserer Volksthümlichkeit“

Antisemitische Ressentiments in der frühen burschenschaftlichen Bewegung

Werden Burschenschafter heute mit der extrem rechten Vergangenheit und Gegenwart ihrer Organisationen oder deren Beteiligung am Nationalsozialismus konfrontiert, streiten sie dies in aller Regel vehement ab. Die Argumentation, mit der Verbindungen von den Verbrechen des Nationalsozialismus und jeglicher Nähe zur extremen Rechten freigesprochen werden sollen, ist dabei immer dieselbe. In einem ersten Schritt wird behauptet, Burschenschaften wären im Nationalsozialismus zwangsweise gleichgeschaltet worden und seien damit ebenfalls Opfer des Faschismus. Dass es damit nicht allzu weit her ist, hat bereits ein früherer Blogbeitrag gezeigt. Im zweiten Schritt werden Burschenschaften dann als liberal und demokratisch charakterisiert, indem sich auf die Tradition der 1815 gegründeten Jenaer Urburschenschaft berufen wird. Die Jenaer Studenten gelten noch heute in weiten Teilen der Gesellschaft als Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Jenaer Urburschenschaft keineswegs ein Zusammenschluss radikaldemokratischer Studenten, sondern bereits damals ein Sammelbecken für völkisches Deutschtum und spezifisch modernen Antisemitismus war.

 

Um 1815 herum wurden unter dem Eindruck der antinapoleonischen Kriege und dem aufkommenden ‚deutschen Volksbewusstsein‘ in verschiedenen Städten Burschenschaften gegründet. Sie alle verband, dass sie sich als explizit politischer Zusammenschluss aller deutschen Studenten verstanden und sich damit von den Landsmannschaften, die immer nur Studenten einzelner Regionen aufnahmen, abgrenzten. Das politische Programm der Burschenschaften wurde zu jener Zeit stark von einer Reihe Professoren, darunter Jakob Friedrich Fries und Ernst Moritz Arndt, aber auch dem Begründer der Turnerbewegung, Friedrich Wilhelm Jahn, beeinflusst. Dies zeigt sich vor allem im burschenschaftlichen Verständnis vom ‚deutschen Volk‘ und der Ablehnung der rechtlichen Gleichstellung von Juden*Jüdinnen.

Als Reaktion auf die bereits im 18. Jahrhundert aufgekommene Forderung nach der Emanzipation von Juden*Jüdinnen kommt es in den Deutschen Staaten zu einer Flut an anti-jüdischen Schriften und mit den „Hepp-Hepp“ Krawallen 1819 auch zu Pogromen gegen Juden*Jüdinnen, bei denen auch Burschenschafter mitwirkten. Diese anti-jüdische Stimmung wurde dabei befeuert von einem biologisierenden Nationalismus, wie ihn Jahn predigte, und den antisemitischen Pamphleten von Friedrich Rühls (1815) und Jakob Friedrich Fries (1816). Insbesondere Fries‘ Schrift „Über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden“ erfuhr zu jener Zeit großen Zuspruch in der Bevölkerung, wurde in vielen Schänken verlesen und prägte nicht zuletzt auch die frühe burschenschaftliche Bewegung. Während um 1815 noch einige Burschenschaften jüdische Studenten aufnahmen, setzte sich unter dem Einfluss von Fries, Arndt und Jahn die antisemitische und völkisch-deutsche Strömung immer weiter durch, sodass Juden bald völlig aus den Burschenschaften ausgeschlossen waren. Lediglich einige Heidelberger Hegel-Schüler um den Studenten Friedrich Carové stellten sich dem Antisemitismus in der Burschenschaft entgegen.

Sowohl Burschenschafter wie Karl Follen oder Ludwig Rödiger als auch Fries und Arndt greifen in ihrer Argumentation zwar auf mittelalterliche anti-jüdische Stereotype zurück, jedoch finden sich bereits hier, gut 50 Jahre vor der Erfindung des Begriff Antisemitismus, Elemente eines spezifisch modernen Antisemitismus. Der Versuch modernen Antisemitismus eindeutig zu definieren oder auch nur die Debatten wiederzugeben, die über den Begriff geführt werden, würde den Rahmen eines Artikels bei weitem sprengen. Daher soll hier lediglich in aller Kürze auf einige Charakteristika modernen Antisemitismus‘ eingegangen werden. Im Unterschied zur vormodernen Form der Judenfeindschaft ist der moderne Antisemitismus mit Adorno/Horkheimer als Theorie über die bürgerliche Gesellschaft zu verstehen und untrennbar mit der Aufklärung verbunden.

Antisemitismus ist dabei zum einen eine Rationalisierungsstrategie, um die komplexe und abstrakte Moderne, die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und die daraus entstehenden Widersprüche konkret und verständlich zu machen. Dabei wird die abstrakte Herrschaft des Kapitals mit Juden*Jüdinnen identifiziert und wird so zur konkreten jüdischen Herrschaft. Dadurch werden sie als allmächtig wahrgenommen. Zum anderen ist Antisemitismus auch Ausdruck der Triebstruktur der Antisemit*innen. Durch die Externalisierung als negativ imaginierter Selbstanteile und deren Projektion auf Juden*Jüdinnen wird das eigene Ich narzisstisch aufgewertet und gleichzeitig die manichäische Trennung in ‚gut‘ und ‚böse‘ vollzogen. Adorno/Horkheimer zufolge werden eben jene Vorstellungen projiziert, die zwar ersehnt, aber im totalitären Denken unterdrückt werden müssen, nämlich die „des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein, der Religion ohne Mythos“ (Adorno/Horkheimer). Dies zeigt sich auch in antisemitischen Gegensatzpaaren wie ‚schaffend vs. raffend‘, ‚konkret vs. abstrakt‘ oder ‚idealistisch vs. egoistisch‘. Da bei der antisemitischen Projektion keine Reflexion stattfindet, werden Juden*Jüdinnen nicht nur als Feind betrachtet, sondern vielmehr als wesenhaft böse und in Verbindung mit ihrer angeblichen Allmacht als existentielle Bedrohung. Diese Bedrohung kann nur durch die völlige Vernichtung des als wesenhaft bösen Imaginierten verhindert werden. Die aus der Totalität der bürgerlichen Gesellschaft entstehenden Aggressionen werden somit zur legitimen Notwehr. So erlangt der moderne Antisemitismus im Gegensatz zur vormodernen Judenfeindschaft seinen welterklärenden Anspruch und wahnhaften Charakter.

Juden*Jüdinnen werden bereits bei Fries und Arndt nicht nur als Händlerkaste, Wucherer oder Geldeintreiber bezeichnet. Sie werden vielmehr auch mit Kapitalismus und Liberalismus identifiziert und für diese Systeme verantwortlich gemacht. Nach Fries ließen die Juden*Jüdinnen ihren Gläubigern „nichts weniger über […], als Arme und Beine um Straßendienste zu tun“. Fries projiziert hier die Notwendigkeit der kapitallosen Arbeiter*innen, ihre Arbeitskraft zu veräußern, um ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften, auf die Juden*Jüdinnen und macht diese für die Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie verantwortlich. Auch im Arndt‘schen Narrativ von der Idealisierung des deutschen, hart arbeitenden und mit dem Boden verbundenen Bauern und dessen Antipoden, dem als „heimatlos“, „faul“ und „kosmopolitisch“ imaginierten Juden, drückt sich die dem modernen Antisemitismus eigene Feindschaft gegenüber dem Abstrakten und die Rettung ins Konkrete aus.

In den Schriften zeigt sich auch, wie das Ersehnte aber von der Instanz des Über-Ich Verbotene auf Juden*Jüdinnen projiziert wird und ihnen wiederum zum Vorwurf gemacht wird. Zentrales Narrativ bei Arndt und Fries ist, dass Juden*Jüdinnen ganz ohne Arbeit zu Lohn kämen. Denn „im Verhältnis zu Bürger oder Bauer hat der Jude [nach Fries] über gar keine Arbeit nachzudenken“. Im Arndt‘schen Narrativ vom mit dem Boden verbundenen, hart arbeitenden Deutschen und dem heimatlosen, faulen Juden wird neben der Sehnsucht nach dem Lohn ohne Arbeit auch der Wunsch nach einer Heimat ohne Grenzstein auf Juden*Jüdinnen projiziert. Zentrales Argument für die angebliche Verderbtheit der Juden*Jüdinnen ist dann bei Fries, wenig überraschend, die Rabbinerherrschaft und das Ceremonialgesetz des Judentums. Mit anderen Worten: die Religion ohne Mythos. So werten die Vordenker der Burschenschaft die Eigengruppe narzisstisch auf, während Juden*Jüdinnen als verderbt und böse stilisiert werden.
Durch die ausbleibende Reflexion wird das tabuisierte Ersehnte nicht nur auf die Außenwelt übertragen, es wird als allmächtig wahrgenommen. Der Gegensatz wird zum Unvereinbaren, das Judentum zum existentiell Bedrohlichen. Den Gießener Studenten und führenden Kopf innerhalb der Burschenschaftlichen Bewegung, Karl Follen, veranlasst dies zu der Feststellung, Juden*Jüdinnen seien ‚der Feind der Völker‘. Deutlicher ist der Vorgang noch bei Fries zu betrachten, wenn er konstatiert: „Für das übrige Volk ist nun aber diese Kaste [Juden*Jüdinnen] die schädlichste von allen, denn sie lebt ohne eigene Mühe von fremder Arbeit, gibt weder materiell, noch geistig eine productive Arbeit, schmiegt sich also nur als Schmarotzerpflanze oder Blutsauger an ein fremdes Leben an und entkräftet es“.

Die durch die Widersprüche der modernen-bürgerlichen Gesellschaft entstehenden Aggressionen richten sich nun gegen das als „übermächtig“ imaginierte Judentum und werden so zur legitimen Notwehr und zur einzig möglichen Rettung des Volkes. Dies zeigt sich bei Fries in Aussagen wie „Unendlich wichtig wird es also, unser Volk von dieser Pest zu befreyen“ und zwar, indem „diese Kaste [Juden*Jüdinnen] mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird“. Auch der Student Ludwig Rödiger fordert vor der Verbrennung der Schrift „Germanomanie“ des jüdischen Autors Saul Ascher auf dem Wartburgfest, dass „Wehe über die Juden, die festhalten an ihrem Judentum“ komme und in einem Burschenschaftsaufruf zu den ‚Hepp-Hepp‘ Krawallen 1819 heißt es: „aller Juden Tod und Verderben ihr müsst fliehen oder sterben!“

Der Antisemitismus innerhalb der frühen Burschenschaften weist bereits viele Charakteristika modernen Antisemitismus auf, auch wenn er noch nicht dessen wahnhafte und gänzlich welterklärende Funktion innehat. Durch die Personifizierung von Juden*Jüdinnen mit der Moderne und ihrer Stilisierung zum existentiell bedrohlichen Bösen ist bereits eine eliminatorische Tendenz vorhanden. Antisemitismus und aggressiver, völkischer Nationalismus, der hier nicht beleuchtet wurde, gehören damit ebenso zum Erbe der frühen Burschenschaften wie ihr Eintreten für den Parlamentarismus. Eines ist damit aber sicher: Vorwand sich von Antisemitismus und extrem rechtem Gedankengut freisprechen zu können, sind die Burschenschaften von 1815 wohl kaum!

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