Interview: Was war da denn los? – Münchner Korporierte attakieren Einführungswoche

In München fand in der Woche vom 22. bis 26. Oktober erstmals eine kritische Einführungswoche statt. Organisiert wurde die Veranstaltungsreihe vom Antifaschismusreferat der Student*innenvertretung der LMU. Mit einem vielfältigen inhaltlichen Programm warfen die Student*innen einen kritischen Blick auf München, die rechte Szene, Antisemitismus und vieles mehr. Die Auftaktveranstaltung sollte am Montag der Vortrag „Einführung in die Kritik an Studentenverbindungen“ sein, welche zum Angriffspunkt für eine Störaktion durch Burschenschaften und andere Verbindungen wurde. Schnell machten Facebook-Posts die Runde, Burschenschaften des extrem rechten Rands veröffentlichten Videos von ihrer Aktion und der Vorfall war in aller Munde. Um etwas Übersicht in die Ereignisse zu bringen, haben wir das Antifaschismusreferat interviewt:

Never again: Bereits am Dienstag nach dem Vortrag kursierten mehrere Versionen zu den Ereignissen am Rande der Veranstaltung. Was genau ist wirklich passiert? Wie ist das Ganze abgelaufen?

Antifaschismusreferat: Ja genau. Wir haben unsere Kritische Einführungswoche mit unserem eigenen Vortrag zur Einführung in die Kritik an Studentenverbindungen gestartet. Dieser Vortrag lockte auch viele Personen aus dem korporierten Bereich an, so kamen die ersten Zuhörer bereits eine dreiviertel Stunde vor Veranstaltungsbeginn in den Raum. Durch viele Kleingruppen von teilweise alkoholisierten Männern, die sich bereits vor der Uni zusammenfanden, füllte sich der Raum ziemlich schnell. Bereits vor dem geplanten Veranstaltungsbeginn war der Raum dann über seine Kapazitäten gefüllt, vor dem Raum befanden sich auch noch viele verschiedene Personen. Einige der Besucher*innen würden wir dem korporierten Bereich zuschreiben, ein paar wenige trugen Band, bei mehreren war ein (teilweise ganz frischer) Schmiss zu sehen. Durch den großen Andrang vor und innerhalb des Hörsaals und die zusätzlich teilweise alkoholisierte Menge, welche noch weitere Bier- und Sektflaschen bei sich trug, konnten wir nicht sicher sein, dass wir die Veranstaltung sicher und geschützt durchführen konnten. So gab es verschiedene Probleme, technischer Art aber auch Bedenken des Brand- und einschließend damit Personenschutz. Wir wollten die Veranstaltung nicht absagen, sahen uns dennoch genötigt dazu, einen Raumwechsel zu veranlassen. Der Versuch der Moderation dies anzukündigen, wurde bei den Besuchern zuerst wohl als Absage wahrgenommen, woraufhin sie die Moderatorin nicht zu Wort kommen ließen und in Applaus ausbrachen. Als dann der Raumwechsel angekündigt wurde, wurden unsere Referent*innen sowie Moderator*innen ausgelacht und ausgebuht. Der nächstgelegene freie Raum war leider sehr sehr viel kleiner, weshalb nur ein Bruchteil aller anwesenden Personen eintreten konnten. Vor dem Raum sammelten sich dennoch über hundert Personen, welche den Raum betreten wollten, aufgrund von Platzmangel allerdings abgewiesen wurden. In dem Raum selbst befanden sich dann verschiedene Personen, interessierte Studierende verschiedenen Semesters, Verbindungsstudent*innen, wie der RCDS in einer Sitzung des Konvents der Fachschaften an der LMU ausgeführt hat, Personen des Orga-Teams und Andere. Leider konnten von uns selbst viele nicht mehr zuhören, da der Raum auch für uns zu überfüllt war. Uns war dennoch wichtig, den Vortrag, wenn auch in kleinerem Rahmen durchzuführen. Leider versuchte die Menge vor dem Saal das zu verhindern, indem sie vor dem Raum pöbelten und schließlich gemeinsam, durch Liedblätter unterstützt, das Lied „die Gedanken sind frei“ anzustimmen. Letztendlich musste die Uni-Security zu Rate gezogen werden, welche die Polizei und die Raumverwaltung der LMU rief. Jede dieser Personen bestätigte der Menge vor dem Raum, dass dieser gefüllt sei, und sie nun nach Hause gehen könnten. Nach weiterem Hin und Her löste sich die Menge vor dem Raum auf. Wir sind sehr froh darüber, dass wir dennoch unseren Vortrag mit – wenn auch kleiner – anschließenden Diskussion erfolgreich veranstalten konnten und durch unser ruhiges, sachliches Vorgehen es zu keinen handgreiflichen Auseinandersetzungen kam.

Never again: Die Aktion scheint gut geplant gewesen zu sein. Wie ist eure Einschätzung dazu?

Antifaschismusreferat: Ja, wir gehen davon aus, dass es einigen Besucher*innen um die gezielte Störung unseres Vortrages ging. Bereits im Vorhinein wurde unsere Veranstaltung auf Facebook geteilt, sich auf Jodel dazu verabredet und uns Nachrichten geschickt, dass verschiedene Verbindungen planen, gemeinsam dorthin zugehen. Auch die Kleingruppen von Männern, welche teils alkoholisiert oder mit Alkohol im Minutentakt in den Hörsaal eintrudelten und sich gegenseitig begrüßten, lassen darauf schließen. Die Störversuche während der Ankündigung des Raumwechsels zeigten klar, dass es vielen der Besucher*innen nicht um eine sachliche Auseinandersetzung, sondern um die Störung oder Verhinderung der Veranstaltung ging. Auch das Anstimmen des Liedes vor dem zweiten Raum schien durch das Mitbringen von Liedblättern vorbereitet zu sein.

Never again: Konntet ihr die Störer klar zuordnen? Handelte es sich um bekannte und politisch agierende Verbindungen oder waren darunter auch Verbinder die bisher noch nicht so sichtbar waren?

Antifaschismusreferat: Teils, teils. Uns war bekannt, dass einige Verbindungsstudenten aus Burschenschaften, die der dem Dachverband Deutsche Burschenschaft angehören, anwesend waren. Mindestens ein Mitglied der Identitären Bewegung befand sich ebenfalls im Raum. Zugleich waren aber auch Personen des RCDS oder Frauenverbindungen anwesend. Die Besucher*innengruppe war somit vielfältig. Es waren so auch einige Verbindungen und Studierende dort, die bisher nicht sichtbar agierten. Erstaunlich für uns war jedoch die große Bereitschaft, sich für den Versuch, eine solche Veranstaltung zu stören, zusammenzuschließen.

Never again: Der Andrang zu der Veranstaltung war ja scheinbar so groß, dass auch Menschen die nicht in Verbindungen sind nicht mehr in den überfüllten Raum konnten. Sind Burschenschaften und Verbindungen so ein präsentes Thema an der LMU?

Antifaschismusreferat: Tatsächlich prägen Burschenschaften das „normale“ Leben an der Uni direkt relativ wenig. Eine große Chance bietet sich in München natürlich durch die billigen Zimmer in Uninähe, wodurch sie vermutlich viele neue Mitglieder ziehen. Es gibt in München zwar viele Burschenschaften, diese sind abgesehen von den ersten Semesterwochen jedoch wenig sichtbar. Zu Beginn des Semesters veranstalten sie häufig Kneipentouren oder Partys, an der Uni direkt haben sie jedoch keinen Zugang, wie uns scheint. Hier hat sich vor wenigen Jahren die Identitäre Bewegung präsenter gezeigt, im Streit um die AfD-nahe Hochschulgruppe ‚Campus Alternative‘ erhielt auch diese kurzzeitig viel Aufsehen und momentan versucht eher die Junge Alternative direkt Einfluss und Aufmerksamkeit durch Flyeraktionen zu erhalten.

Never again: Wie schätzt ihr die aktuelle Situation ein, werden Burschenschaften und Verbindungen wieder verstärkt zu einem Problem?

Antifaschismusreferat: Wir hoffen natürlich darauf, dass durch Aufklärungsarbeit Burschenschaften zu keinem größeren Problem an unserer Uni werden, sich im besten Fall ihr Einfluss weiter verringert. Wir sehen jedoch auch, wie versucht wird, unsere Veranstaltung zu benutzen, um wieder Fuß an der Uni zu fassen. So versucht beispielsweise der RCDS durch ‚ihre Wahrnehmung der Geschehnisse‘ unser Referat zu diskreditieren oder durch offene Briefe Druck auf die Unileitung und die Studierendenvertretung auszuüben. Dafür schließen sie sich mit Personen aus dem korporierten Bereich zusammen.

Never again: Was sind nach diesem Vorfall eure Erwartungen an die Student*innenschaft und das Präsidium der LMU? Gab es bereits Reaktionen, wenn ja, wie schätzt ihr diese ein und falls nicht, was wäre eurer Ansicht nach ein sinnvolles Vorgehen?

Antifaschismusreferat: Es gab bereits einen Austausch mit der Unileitung, in welchem die Geschehnisse des Abends folgerichtig dargelegt wurden. Des Weiteren wurde bereits während der Kritischen Einführungswoche dem Konvent der Fachschaften an der LMU berichtet, zu welchem auch der RCDS und Burschenschafter anwesend waren. Hier wurden die Geschehnisse ebenfalls aufgeklärt und auf sämtliche Fragen und Anschuldigungen eingegangen. Wir sehen, dass die Kritische Einführungswoche ein großer Erfolg war, und dies nicht durch diese eine Veranstaltung abgewertet werden kann. Außerdem möchten wir klar zeigen, dass wir uns nicht durch rechte Störversuche verunsichern lassen. Wir hoffen, dass unsere und andere Studierendenschaften sich solidarisch mit uns zeigen und sich nicht an einer Täter-Opfer-Umkehr beteiligen. Wir werden unsere Arbeit auch in Zukunft weiterführen und uns gegen regressive, geschichtsrevisionistische und menschenfeindliche Haltungen an unserer Uni aussprechen.

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