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Interview: Was war da denn los? – Münchner Korporierte attakieren Einführungswoche

In München fand in der Woche vom 22. bis 26. Oktober erstmals eine kritische Einführungswoche statt. Organisiert wurde die Veranstaltungsreihe vom Antifaschismusreferat der Student*innenvertretung der LMU. Mit einem vielfältigen inhaltlichen Programm warfen die Student*innen einen kritischen Blick auf München, die rechte Szene, Antisemitismus und vieles mehr. Die Auftaktveranstaltung sollte am Montag der Vortrag „Einführung in die Kritik an Studentenverbindungen“ sein, welche zum Angriffspunkt für eine Störaktion durch Burschenschaften und andere Verbindungen wurde. Schnell machten Facebook-Posts die Runde, Burschenschaften des extrem rechten Rands veröffentlichten Videos von ihrer Aktion und der Vorfall war in aller Munde. Um etwas Übersicht in die Ereignisse zu bringen, haben wir das Antifaschismusreferat interviewt:

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Die „Feinde unserer Volksthümlichkeit“

Antisemitische Ressentiments in der frühen burschenschaftlichen Bewegung

Werden Burschenschafter heute mit der extrem rechten Vergangenheit und Gegenwart ihrer Organisationen oder deren Beteiligung am Nationalsozialismus konfrontiert, streiten sie dies in aller Regel vehement ab. Die Argumentation, mit der Verbindungen von den Verbrechen des Nationalsozialismus und jeglicher Nähe zur extremen Rechten freigesprochen werden sollen, ist dabei immer dieselbe. In einem ersten Schritt wird behauptet, Burschenschaften wären im Nationalsozialismus zwangsweise gleichgeschaltet worden und seien damit ebenfalls Opfer des Faschismus. Dass es damit nicht allzu weit her ist, hat bereits ein früherer Blogbeitrag gezeigt. Im zweiten Schritt werden Burschenschaften dann als liberal und demokratisch charakterisiert, indem sich auf die Tradition der 1815 gegründeten Jenaer Urburschenschaft berufen wird. Die Jenaer Studenten gelten noch heute in weiten Teilen der Gesellschaft als Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Jenaer Urburschenschaft keineswegs ein Zusammenschluss radikaldemokratischer Studenten, sondern bereits damals ein Sammelbecken für völkisches Deutschtum und spezifisch modernen Antisemitismus war.

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Angst um die Vormachtsstellung

Dieser Text ist zunächst in der Ausgabe 359 der Zeitschrift iz3w erschienen. Mehr von dieser Ausgabe findet ihr hier

Antifeminismus und Genderhass sind ein Bindeglied zum Rechtspopulismus

Kaum ein Topos des Rechtspopulismus ist populärer als seine Ablehnung des Feminismus und des Genderismus. Bis weit in die Mitte der Gesellschaft stößt auf Zustimmung, wer gegen echte Gleichstellung und veränderte Geschlechterverhältnisse wettert. Worauf beruht diese Hetze?

Von Rebekka Blum Weiterlesen „Angst um die Vormachtsstellung“

Spenden für den schlechten Zweck

Der folgende Artikel sollte ursprünglich diesen Sommer in einer überregionalen Zeitung veröffentlicht werden, woraus sich der für einen Blogartikel eher unübliche Stil ergibt. Dies gelang leider nicht, stattdessen soll er aber nun hier verfügbar sein.

„Let’s break fast, break barriers“ – auf Deutsch etwa „Lasst uns das Fasten brechen, lasst uns Barrieren brechen“. Unter diesem Motto hatten muslimische Hochschulorganisationen zum Fastenbrechen während des Ramadan eingeladen, der dieses Jahr von Mitte bis Mitte Juni war. Zu den vom Rat muslimischer Studierender und Akademiker (RAMSA) in fast 30 deutschen Städten organisierten Feiern kamen zahlreiche Studierende zusammen, mancherorts waren es Hunderte in einer einzigen Stadt. Weiterlesen „Spenden für den schlechten Zweck“

Vorwärts in die Barbarei

Burschenschaften, Corps und Verbindungen in der Weimarer Republik

Nach der erfolgreichen Niederschlagung der deutschen Barbarei durch die alliierten Streitkräfte und die Rote Armee, begannen die eben noch einen Völkermord verübenden Deutschen schnellst möglich sich als Opfer zu stilisieren. Schnell waren die SS-Uniformen vergraben, der Nationalsozialismus als etwas dargestellt das aus dem Nichts kam und keinen Vorlauf hatte. Ganz vorne mit dabei waren die Burschenschaften, Corps und Verbindungen, die sich öffentlich als erste Opfer des Nationalsozialismus darstellten und diesen Mythos bis heute aufrecht erhalten. Ein Blick in die tatsächliche Geschichte dieser Gruppen zeigt allerdings ein ganz anderes Bild.

Die Deutsche Burschenschaft (DB), einer der Dachverbände der Burschenschaften, bekannte sich bereits 1920 zum Rassismus und rassistischen Antisemitismus. In ihrem Beschluss heißt es: „Die Burschenschaft steht auf dem Rassestandpunkt, deshalb dürfen nur deutsche Studenten arischer Abstammung, die sich offen zum Deutschtum bekennen, in die Burschenschaft aufgenommen werden. […] eine Heirat mit einem jüdischen oder farbigen Weib“ wird ausgeschlossen.

Auch mit dem nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) gemeinsame Sache zu machen ließ man sich nicht entgehen. In der Deutschen Studentenschaft (DSt) warben die Burschenschaften für den Antrag der Nationalsozialisten, Jüdinnen und Juden von der Hochschule auszuschließen. Öffentlich stellten sich die Burschenschaften allerdings gegen den NSDStB. Dessen Ziele und völkisch-rassistische Ideologie unterstützten sie jedoch voll, sahen allerdings ihren Alleinvertretungsanspruch gefährdet.

Überschneidungen mit den nationalsozialistischen Organisationen könnten offensichtlicher kaum sein. Nach dem SA-Verbot veröffentlichten die „Burschenschaftlichen Blätter“, Presseorgan der DB, das Bekenntnis, dass „in der SA viele Burschenschafter aus reiner Vaterlandsliebe gekämpft und für ihre Überzeugung Opfer gebracht“ hätten.

Studentische Korporationen, antisemitisch und antirepublikanisch von der ersten Sekunde an, bemühten sich auch rege um den Nationalsozialismus. Besonders bekannt ist hier das „Massaker von Mechterstädt“, auf welchem das Studentenkorps Marburg 15 Arbeiter ermordete. Doch auch in anderen Freikorps und paramilitärischen faschistischen Kontexten agierten die Burschenschaften und Studentenkorps. So beteiligten sie sich beispielsweise am Kapp-Putsch und der Niederschlagung der Münchner Räterepublik.

Schließlich schalteten sich die meisten Verbindungen bis 1936 selbst gleich, lösten sich auf und gingen in den NS-Kameradschaften auf. Die Behauptung, sie seien vom NS-Regime verboten worden, trifft bis auf lokale Ausnahmen nicht zu. Nach dem Krieg wurden sie von den Alliierten als nationalsozialistische Organisationen verboten. Da man allerdings zu Zeiten des kalten Kriegs den Antikommunismus aus dem Korporationsmilieu gut gebrauchen konnte und viele Richter und Politiker der Nachkriegszeit selbst Verbindungsmitglieder waren, wurden sie schrittweise wieder erlaubt. So wurden nach und nach die einzelnen Verbote burschenschaftlicher Praxis aufgehoben, wie etwa das Verbot sich das Gesicht gegenseitig zu zerhacken oder in antiquiert-militärischen Kostümchen rumzulaufen.

Pressemitteilung „never again!“

27.01.2018: Der freie zusammenschluss von student*innenschaften stellt sich gegen das Vergessen und setzt sich für eine konsequente Aufarbeitung der Rolle der Wissenschaft und Hochschule am Nationalsozialismus ein.

Heute jährt sich die Befreiung von Auschwitz durch die rote Armee. Das unbeschreibliche Grauen, welches sich an diesem Ort ereignet hat, darf niemals vergessen und niemals vergeben werden.

„Studenten leisteten bereits in der Weimarer Republik einen erheblichen Beitrag am Erstarken der NSDAP und der Durchsetzung ihrer Ideale. Bereits vor der Machtergreifung verfolgten Studenten jüdische und marxistische Dozenten, schlossen Jüd*innen aus der Studentenschaft aus und forderten die Einführung von sogenannten Rasselehrstühlen. Gerade deshalb ist es als Student*innen unumgänglich, die Rolle der Studentenschaft am Nationalsozialismus aufzuarbeiten und Konsequenzen zu ziehen. Dies soll mit der Politischen Bildungs Kampagne „never again!“[1] versucht werden“, führt Tobias Eisch aus dem Vorstand des freien zusammenschluss von student*innenschaften aus.

„In der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der Rolle der Wissenschaft muss noch einiges getan werden. Die Rassenlehre, welche dem Antisemitismus und Rassismus ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen der Objektivität verlieh, ist nur eines von vielen Beispielen, wie Wissenschaftler den Weg in die nationalsozialistische Barbarei bereiteten. Auch deren konkrete Umsetzung war nur unter der Beteiligung von Wissenschaftlern möglich, die Experimente an KZ-Insassen durchführten oder die Konzeption der Maschinerie des Massenmordes in Auschwitz entwickelten“, so Nathalie Schäfer aus dem Vorstand des freien zusammenschluss von student*innenschaften weiter.

„Erinnern heißt kämpfen! Damit ist nicht nur ein Kämpfen um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte gemeint, sondern auch ein konkretes Agieren gegen autoritäre, faschistische und antisemitische Tendenzen an der Hochschule und in der Gesellschaft“, führt Eva Gruse aus dem Vorstand des freien zusammenschluss von student*innenschaften aus.

[1] „Never again! – Aktionstage gegen autoritäre und faschistische Tendenzen“ ist eine Kampagne des Arbeitskreis Politische Bildung des freien zusammenschluss von student*innenschaften. Die Kampagne fand ihren Auftakt im erfolgreichen studentischen Winterkongress des fzs. Dieser beschäftigte sich unter anderem mit Faschismustheorien, nationalsozialistischen Studenten zur Weimarer Republik, Erziehung nach Auschwitz und der sogenannten „Neuen Rechten“. Im Januar 2019 werden dann bis zum 27.1., dem Tag der Befreiung von Auschwitz, bundesweit an mehreren Standorten Veranstaltungen durchgeführt.