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Christlicher Antisemitismus

5. Februar 2020 @ 19:00 21:00

Vom Judentum als »Abgrund des Verderbens«, der Synagoge als »Tempel der Dämonen«, den Juden als »Mörder unseres Herrn« und Israel als »Gefahr für den Weltfrieden«

Vortrag/Diskussion über christlichen Judenhass mit Tilman Tarach

Wenn hierzulande kritisch vom Antisemitismus die Rede ist, liegt der Fokus regelmäßig beim völkisch-identitären oder beim islamischen Antisemitismus. Dabei wird sich nicht selten auf »unsere« vermeintlich tolerante »Kultur des christlich-jüdischen Abendlandes« berufen. Im Vortrag wird diese Geschichtsklitterung korrigiert und gezeigt, dass der Judenhass eine Konstante in der christlichen Geschichte darstellt – von den ersten durch Christenhand niedergebrannten Synagogen kurz nach Erhebung der neuen Lehre zur Staatsreligion, über Ritualmord- und Brunnenvergiftungslegenden, bis zum antizionistischen Engagement der christlichen Kirchen der Gegenwart.

Die weithin vorgenommene scharfe Trennung zwischen christlichem Antijudaismus und modernem, völkischen Antisemitismus folgt einer Entlastungsstrategie. Ersterer soll heute als überwunden gelten, Letzterer hingegen als gänzlich neues Kapitel der Geschichte erscheinen. Tatsächlich jedoch wies bereits der alte, christliche Judenhass völkische, auf die Abstammung und das »jüdische Blut« bezogene Merkmale auf, wie etwa die spanischen Vorschriften im 15. Jahrhundert gegen zum katholischen Christentum konvertierte Juden und ihre Nachkommen belegen. Zudem fanden Versatzstücke des christlichen Antijudaismus Aufnahme in die Gedankenwelt der modernen Antisemiten und der Nationalsozialisten. Hitler berief sich schon in »Mein Kampf« auf die Evangelien, und sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche kollaborierten von Anfang an mit dem NS-Regime und betrachteten es bestenfalls als Konkurrenz.

Auch wenn im Verlauf der Geschichte einige wenige christliche Würdenträger die Juden in Schutz nahmen und in völkischen Kreisen mitunter sogar der Vatikan selbst zu einem Objekt von Verschwörungslegenden wird, so ist gleichwohl die »christlich-jüdische Tradition« über die längste Zeit der Geschichte eine Tradition der Hetze, der Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der Juden durch Christen. Nimmt man den christlichen Antisemitismus genauer ins Visier, so zeigt sich, dass seine psychische Dynamik und viele seiner Elemente auch weiterhin die verschiedenen zeitgenössischen Spielarten des Antisemitismus prägen.

Tilman Tarach lebt in Berlin und Istanbul und ist Autor des 2016 in aktualisierter Ausgabe erschienenen Buches »Der ewige Sündenbock – Israel, Heiliger Krieg und die ‘Protokolle der Weisen von Zion’: Über die Scheinheiligkeit des traditionellen Bildes vom Nahostkonflikt«.

Studentische Initiative gegen Antisemitismus Giessen

Margarete-Bieber-Saal

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Gießen, Deutschland
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